Creeper Cards

Interessanter Abend, aber fangen wir von vorne an. Es geht um das Thema Sexismus auf dem 29c3. Wie kommt man diesem Problem auf die Spur, wie kann man es lösen? Hier mein ganz persönlicher und garantiert nicht objektiver Eindruck:

Die Vorgeschichte: 
Zu Beginn des 29c3 Congresses wurden unsystematisch alle Creeper Cards an zufällig anwesende Teilnehmerinnen und Teilnehmer verteit, rote, gelbe und grüne. Es gab aber leider keine Erklärung dazu, bis auf den Text, den diese Karten in Englisch und (leider schlecht übersetzt) auch auf Deutsch enthalten:

Bildschirmfoto 2012-12-29 um 08.57.32http://creepermovecards.de/karten.html

Wer sich damit also mal genauer befasst, kann erkennen, dass rote Karten nach das letzte Mittel sind, um jemanden “wortlos” abzustrafen.

So ist es auch gemeint, laut dem Twitteraccount @CreeperCards soll es “Opfern”, die sich nicht besonders gut ausdrücken, helfen, in Situationen, wo jemand ihre Grenze überschreitet oder sie sogar sexuell belästigt helfen, sich auszudrücken und danach sich von dem “Täter” ohne Erklärung entfernen. Soweit, sogut, eine nette Theorie, dem “Opfer” ist geholfen, der “Täter” darf sich wundern und soll froh sein, nicht ins Gesicht geschlagen worden zu sein….

Hier auch nochmal eine Video-Erklärung von der Erfinderin auf Englisch. Sie nennt in dem Video auch Beispiele, wann sie eine gelbe, wann eine rote Karte gibt: “Show me your tits” ist bei ihr z.B. erstmal eine gelbe Karte:

Außerdem hat der CCC schon im Vorfeld mit weiteren Gender-Vorträgen und Workshops zu dem Thema aufgewartet, extra Speaker dazu besorgt, sich der Ada Initiative zur Verbannung von Sexueller Belästigung als 3. Hackerkonferenz angeschlossen und sich selbst eine deeskalierende Anti-Harassement-Policy gegeben als auch einen Blog-Eintrag zu dem Thema veröffentlicht, die durch eine eigene DECT-Nummer 113 und den Twitter-Handle @29c3ATeam mit sogenannten Konflikthelfern unterstützt wird, die unabhängig von der Creepers Card Aktion geführt wird.

Generell finde ich alle Aktionen soweit gut, nur das Verteilen der Karten sowie die Erklärung dazu fehlte meiner Meinung nach. Leider sind die Creepers Cards nicht besonders ernst genommen worden, da ein Problembewusstsein bei den meisten nicht vorhanden ist. Außerdem wurde schnell zur Aufgabe erklärt, statt keine roten oder gelben Karten zu bekommen, generell so viele Karten wie möglich zu ergattern, da die Karten nicht gleichmäßig verteilt wurden und daher viele Personen keine hatten oder eben ganz viele.

Die Situation vor Ort: 

Beim traditionell beliebten Hacker-Jeopardy geht es darum, möglichst viele Hacker-Antworten auf typische Jeopardy-Antworten zu wissen. Der Spielleiter ist hat hier insbesondere auch Frauen aufgefordert, sich am Quiz zu beteiligen. Dies scheint schon Anstoß gegeben zu haben, dass dies explizit gewünscht wurde. Ich denke, dass es der Gemeinschaft ganz gut tut, wenn auf der Bühne nicht nur Männer mitraten, ganz im Sinne der Diversität, Inklusion und als Role Model für andere Frauen. Aber das ist ein anderes Thema…

Relativ bald danach gab es von der ersten Frau eine rote Creepers Card, mit der Begründung für seine sexistischen Anspielungen. Der Spielleiter nahm sie freundlich und bedankte sich, lachte aber gleichzeitig darüber. Im Laufe des Spieles kamen noch mehr rote und gelbe Karten, die gleichzeitig übergeben wurden. Der Spielleiter war sich keiner “Schuld” bewusst und irritiert, er überspitzte die Situation und machte weitere Anspielungen auf die angebliche Challenge, ja so viele wie möglich zu sammeln.

Eine anwesende Gruppe aus ca. 8 Leuten verließ daraufhin laut protestierend den Raum.

Hier für die Abwesenden das 2 Stunden Video dazu:

Die erste rote Karte gab es um 1:36:20, die zweite um 1:52:50 und noch einige andere um 1:54:50. Danach verließen wohl auch Leute den Saal, weil sie den Sexismus nicht mehr aushielten.

Meine Verbesserungsvorschläge: 

Ich finde, beide Seiten haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Ich denke nicht, dass so ein Creepers-Card-System ohne “vernünftige” Verteilung (z.B. 3 Karten pro Person am Eingang) und  viel wichtiger ANLEITUNG irgendeine Chance hat, verstanden und korrekt benutzt zu werden.

Meiner Meinung nach haben auch die Benutzer der roten Karten beim Jeopardy übertrieben. Z.B. finde ich es übertrieben, sofort eine rote Karte zu geben, wenn derjenige nicht persönlich unter der Gürtellinie wird oder einen tätlich anfasst. Das ist beides nicht passiert. Es wäre auf jeden Fall erstmal eine gelbe Karte angemessener gewesen (siehe Video oben).

Außerdem finde ich es auch schade, dass der Empfänger der Karten keine Chance bekommt, sich ernsthaft zu verbessern. Das System empfiehlt nicht, konstruktive Kritik zu üben, sondern es ist mehr ein “virtuelles Abwatschen” des “Schuldigen”, ohne dass der Schuldige sich ent-schuldigen oder gar Ratschläge erwarten kann. Bildlich gesprochen also eher eine Einbahnstraße fürs Opfer als ein Weg, auf dem sich zwei “erwachsene” Personen begegnen können.

Hier wird großes Potential verspielt. Ich bin tief davon überzeugt, dass sehr viele Empfänger dieser roten/gelben Karten irritiert sind und eine konstruktive Antwort möchten. Wenn man diese ihnen verweigert ist es sehr frustrierend und verwirrend für den “Schuldigen”. Wie sollen sie sich verhalten? Sie können nichts mehr tun und ziehen es dann eben ins Lächerliche, weil sie es nicht nachvollziehen können.

Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die Leute, die sich über den Spielleiter aufregen, sich nicht verbal äußern können. Sie haben alle bei der Übergabe der Karten den Grund aufgeführt. Sie haben darüber getwittert und gebloggt. Ich verstehe nicht warum man dazu noch eine Karte dann braucht… Im Sinne der Erfinderin ist es nicht.

Bitte hier weiterlesen: Update on Creeper Cards

Disclaimer: Ich bin selbst Feministin und langjähriges Mitglied im CCC München e.V. und CCC e.V.

Ein paar andere interessante kluge Blogeinträge möchte ich auch nicht unerwähnt lassen:

16 Antworten zu “Creeper Cards

  1. Danke für diese Einschätzung. Das trifft so ziemlich meine Wahrnehmung aus der Ferne. Ohne Anleitung kann das System nicht funktionieren und die Kärtchen müssen leider 1000x erklärt werden.

    Gelbe und rote Karten sind als Sanktionsmechanismen einfach verständlich.
    Wer diese Karten verteilen darf, sollte sich aber über seine Macht bewusst sein. Eine rote Karte im Fußball entspricht einem Platzverweis. Wer in der Gender-Diskussion nicht drin ist, wird das immer als Aggression sehen. Deshalb muss die Veranstaltungsleitung klar machen, dass Sie mit der Verteilung einverstanden ist. Sonst erscheint mensch mit Karte entweder als Teil des Orgateams (mit Hausrecht) oder als anmaßend.

  2. Ich bin eigentlich zufrieden mit der Übersetzung der Karten. Was findest Du daran schlecht?

  3. Danke!
    Besonders deine Anspielung auf die Sexismus-Gamification spricht mir aus der Seele.

    So sieht für mich konstruktive Kritik aus.

  4. Meine Warnahmung von der Veranstaltung war nicht, dass er nur “versucht Frauen auf die Bühne zu kriegen” was ich prinzipiell auch befürworten würde, sondern das er es so explizit gemacht hat (was suggerierte er wäre von den “Femnazis” dazu gezwungen worden) und er das Geschlecht der Mitspieler/innen dann auch ständig thematisierte hat als sie schon auf der Bühne waren. In der ersten Runde hat er etwa, als “die Frau” dran war und die Lösung reingerufen wurde sie so etwas schief-scherzhaft gefragt wie “na, fühlst du dich jetzt diskriminiert?” oder als dann in der dritten Runde zwei Frauen auf der Bühne waren sich darüber lustig gemacht ob es denn jetzt eine Männerquote brauche.. damit hat er sich über die Versuche auf dem Congress das Thems Sexismus und Diskriminierung ernsthaft zu thematisieren lustig gemacht; das als Moderator; das als derjenige der am meisten geredet hat/am meisten Platz in der Show hatte; vor 3000 Leuten (+Streamzuschauer/innen); und unkommentiert (bzw. durch die Lacher des Publikums eher unterstütz).

    Wir waren zu viert eine Stunde in der Veranstaltung bis wir es nicht mehr ausgehalten haben und uns eine rote Karte besorgt haben (die wir tatsächlich erstmal suchen mussten, weil wir keine hatten) und uns dann darauf geeinigt, dass eine die nach vorne bringt.
    Wir haben auch diskutiert ob die rote Karte überzogen ist, aber da die Karten gestern Abend eh schon niemand mehr ernstgenommen hat und wir keine Mikro hatte, die Veranstaltung auch nicht sprengen aber ein Zeichen setzen wollten, haben wir uns für die symbolische rote Karte entschieden.

    • Also deine Argumentation “weil wir eh nicht ernst genommen wurden (Annahme) haben wir euch auch nicht ernst genommen und gleich die rote statt die gelbe Karte gezogen” ist unlogisch: Wer wirklich ernst genommen werden will, muss auch andere respektieren und diskussionsfähig sein.

      Auch ein “Gespräch” gestern mit einer der Beteiligten direkt nach dem Event hat keine Früchte getragen, die Angesprochene ist wortlos weggegangen… Soviel erwarte ich schon von einer ernsthaften Gesprächspartnerin.

  5. Tach,

    ich habe mich eigentlich immer für einen “anti sexisten” gehalten, aber bei der Sendung gestern abend habe ich mir dann doch die Frage gestellt, worum es eigentlich geht.

    Der Moderator hat sich in überspitzten Formulierungen über die Genderdebatte lustig gemacht, dabei aber immer auf die korrekte Behandlung und eine ausgewogene Verteilung der Geschlechter geachtet.

    Bitte erklärt doch mal was er eigentlich falsch gemacht hat.

  6. “Show me your titts” hätt bei mir einen Tritt in die Eier zur Folge. Aber im Ernst mal: In welcher Gesellschaft bewegt Ihr Euch, dass Ihr solche Instrumente von vorn herein für nötig erachtet?

  7. Du hast recht: Eine schöne (und notwendige) Idee mit gutem Potential, die aber im Sand verläuft, wenn sich die Empfänger der Creeper Card keiner Schuld bewusst sind bzw. nicht wissen wie sie darauf reagieren sollen. Gerade die Tatsache, dass Einige daraus wohl eine Challenge machen, um so viele Cards wie möglich zu sammeln, spricht Bände.

    Ich denke, den “Täter” oder den Schuldigen verbal auf den Fehltritt hinzuweisen auf (ihm vielleicht sogar zu sagen, was er anders oder besser machen kann), wäre ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.
    Ich kann aber auch jede(n) verstehen, der keine Lust hat sich mit gruseligen, sexistischen Menschen auseinanderzusetzen.

  8. Pingback: Day 3 is going on « cYpherpunK.at

  9. Pingback: Laura ist sauer « 3Dioptrien

  10. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Creeper Cards auf dem 29c3

  11. weniger kinderkacke, mehr spaß am gerät!
    ich habe mich bisher nie zu einer seite geäussert, aber es ist schon beeindruckend, wieviele sozialspastiker (und damit sich keiner auf den schlips getreten fühlt sozialspastikerInnen) auf so einer veranstaltung rumlaufen.

  12. Vielen Dank für den Artikel. Leider war ich in Berlin nie dabei, kann also nichts zu früheren Veranstaltungen sagen oder vergleichen. Beim Jeopardy hab ich mich als Zuschauer aber auch gefragt, warum genau der Moderator da jetzt ne rote Karte bekommt. Vor allem als bei der ersten Karte nachfragte, ob er den Grund wissen und laut (für alle) wiederholen dürfe. Da er das nicht getan hat, gehe ich davon es aus, es war nicht gewünscht. Dadurch wurde – zumindest in meinen Augen – diese Karte beim Publikum nicht ganz ernst genommen und auch nicht verstanden.

    Ja, einige Kommentare waren nicht wirklich ideal und da konnte man eine gelbe Karte vertreten. Aber eine rote? Von außen betrachtet und in meinen Augen ganz klar Nein.

    Die verschenke Chance sehe ich ebenfalls und sehe das sogar als komplettes Versagen der Karten an – ohne konstruktives feedback kann keine Änderung oder ein Verständnis erwartet werden. Und die Karten sind ohne ein normales Gespräch/eine Diskussion wertlos, vor allem wenn man bei denjenigen ein Umdenken erreichen will.

    Schade, dass eine tolle Veranstaltung, mit vielen tollen Menschen, durch so ein Thema leiden muss.

  13. Ich stimme zu, ein System einzufuehren ohne es zu erklaeren ist arsch – einfache Handzeffel die rumliegen haetten hier schon gereicht um zu erklaeren wie diese Karten zu verstehen sind – die Konsequenz mangels Erklaerung: ist wie das Ausloten einer Blackbox – “Was passiert eigentlich wenn ich …”.

    Karten nur einer Submenge zur Verfuegung zu stellen fuehrt dann zu einer “Ich muss das sammeln” Mentalitaet. Und mal ernsthaft, am Tag 1 um 16 Uhr ankommen und “schon keine mehr zu bekommen” muss ich nicht verstehen. Wenn dann gleichzeitig noch ein Gefuehl hoch kommt von “das ist eine Waffe und ich weiss nicht was am Ende passiert” ist das kontraproduktiv und fuehrt meiner Meinung nach zu einem recht chaotischem System, das nicht nur das urspruengliche Ziel verfehlt sondern auch noch das entgegengesetzte bewirkt.

    Ich persoenlich bin mir der Problematik bewusst und neige jedoch gerne mal zu einem Herrenwitz oder zu Witzen die unter die Guertellinie gehen. In dem Moment eine gelbe Karte zu bekommen ist voellig in Ordnung wenn sich eine anwesende Person, egal ob maennlich oder weiblich, dabei angegriffen fuehlt. Dabei ist es nicht notwendig, das mir erklaert wird warum ich diese Karte bekommen habe. Wenn ich es wissen will habe ich auch noch genug Zeit spaeter zu fragen und erstmal meinen eigenen Kopf einzuschalten.

    Das schiere schwarz-weiss denken das sich jedoch etabliert hat mit “du wars lieb” und “du warst boese” ist mir zu wider.

    FInal moechte ich nur eine Sache los werden. Ignoriert, dass es sich beim Gegenueber um einen Alien handelt und versteht die Lebensform die euch gegenueber sitzt als etwas das euch persoenlich weiter bringt.